Gedanken zur Veränderung

Gründe, sich verändern zu wollen, gibt es viele. So können zum Beispiel ein neues Umfeld, ein neuer Arbeitsplatz oder auch neue Ansichten und Einsichten Menschen dazu bewegen, das Konzept ihrer Identität zu überdenken und Veränderungen daran vorzunehmen. Dabei besteht die Identität, im ersten Satz durch „sich“ ausgedrückt, nicht nur aus inneren Merkmalen wie Weltanschauung und Wertvorstellung, sondern auch aus äusseren wie zum Beispiel der täglichen Lebensweise.

Veränderung vs. Konstanz

Nun wäre es jedoch, ökonomisch gesehen, am optimalsten, sich nur zu verändern, wenn es dringend nötig ist, da Veränderungen optimierte Abläufe im Leben und bewährte Gewohnheiten durch neue, unerprobte ersetzten. Ostentativ dafür ist der Alltag älterer Leute, für welche zum Beispiel die Einführung eines total neuen Tagesablauf eine enorme Belastung darstellt. Das Veränderungen jedoch auch von Vorteil sein können, wissen wir spätestens seit Darwin und der Entwicklung des Affen zum Menschen. Doch auch Darwins Theorie von Mutation und Evolution basiert auf einem, vielleicht nicht ökonomisch, dafür überlebenstechnisch sehr sinnvollen Zwang etwas zu ändern. Im Rahmen der einleitend genannten Beispiele entspricht dies dem neuen Umfeld oder Arbeitsplatz, da beide eine gewisse Integrationsanpassung benötigen.

“Zufriedene Menschen neigen dazu, in zufriedener Stellung zu verharren”

Reicht es aber auch aus, ohne einen externen Zwang sich ändern zu wollen, bloss aus einem unglücklichen Zustand heraus? Ein Mensch, welcher mit seinem Zustand zufrieden ist, wird wohl kaum die Belastung der Veränderung auf sich nehmen, nur um etwas neues auszuprobieren. Der Informatiker beschreibt dies als „never touch a running system“. Jedoch kann ein Mensch auch mit seiner Situation unzufrieden werden, sie als nicht mehr optimal oder seiner Weltansicht zuwiderlaufend bewerten. Dies geschieht, um auf die am Anfang des Textes aufgeführten Beispiele zurückzukommen, meist durch neue Ansichten und Einsichten. Diese bewegen den Menschen, seinen „jetzt“-Zustand mit demjenigen zu vergleichen, der für ihn aufgrund seiner neuen Weltansicht erstrebenswert ist, sozusagen ein Vergleich von reeller und normativer Situation. Die Differenz daraus ist, mathematisch salopp ausgedrückt, die Unzufriedenheit eines Menschen. Dieses Phänomen lässt sich in der „freien Wildbahn“ im Überfluss beobachten: Wessen Zustand sich beinahe in Kongruenz mit seinen Lebens- und Wertvorstellungen befindet, ist zufrieden, ungeachtet finanzieller oder sozialer Aspekte. Je höher also der Unzufriedensgrad ist, desto attraktiver wird auch eine Veränderung in Richtung des gewünschten Zustandes.

Résumé

Daher kann man sagen, dass nur die Unglücklichen sich verändern wollen, dafür aber je unglücklicher desto lieber. Wer glücklich mit seinem Zustand ist, für den bedeutet Veränderung meist ein adaptives „Müssen“.
Der zweite Satz wiederum spricht von Ängstlichkeit als einziger Grund des Verbleibens in einem Zustand. Sie kann zwar eine Motivation sein, um keine Veränderungen oder Neuerungen vorzunehmen, jedoch die Ängstlichkeit als einzige Ursache zu bezeichnen trifft nicht zu. Wie oben bereits ausgeführt, kann auch die reine Bequemlichkeit, optimiertes durch unerprobtes zu ersetzen, oder die Zufriedenheit mit seinem Leben einen Menschen in seinem derzeitigen Zustand verbleiben lassen. Berücksichtigt man aber die genauere Bedeutung des Verbs „verharren“, dass heisst „warten in Furcht oder Anspannung“, trifft der zweite Satz durchaus zu. Denn „verharren“ setzt eine Angst oder Anspannung voraus. Wer keine Angst hat, „verharrt“ nicht, sondern „bleibt“ in seiner Situation bis er etwas verändern muss oder will.
Somit beschreibt der zweite Satz nur den Spezialfall, in welchem „im derzeitigen Zustand bleiben“ in Verbindung mit Furcht vorkommt. Daher tendiere ich auch eher zum ersten Satz, da dieser in einer treffenden Weise den Beweggrund für ein „sich verändern wollen“ beschreibt.
Beide Sätze können sich dabei auch gleichzeitig auf dieselbe Person beziehen. Ein Mensch hat nicht nur ein Bedürfnis, ein Ziel, ein Wunsch. Es kann durchaus sein, dass jemand zwar Veränderungen fürchtet und daher in seiner Lebensweise geradezu verharrt, jedoch aufgrund der Differenz zu seiner erstreben Lebenssituation unglücklich ist und sich verändern will.